| Antonius reloaded |
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Zum "Kampf der Mönche" von Maria Theresia von Fürstenberg
„Was siehst du?“, fragt mich die Künstlerin. „Einen kaputten Regenschirm.“ In ihren Augen macht sich Enttäuschung breit. „Aber nein, das sind doch zwei Mönche, die miteinander kämpfen.“ Die Szene erinnert mich an die Erfahrung des sechsjährigen Antoine de Saint-Exupéry. Er hatte eine Riesenschlange gemalt, die gerade einen Elefanten verdaut. Die Erwachsenen erkannten in der Zeichnung aber nur einen Hut. So sah sich der junge Künstler dazu gezwungen, ein zweites Bild zu verfertigen, auf dem die Schlange durchsichtig und der Elefant in ihrem Inneren zu erkennen war. Saint-Exupéry beschließt in diesem Augenblick, den Weg des bildenden Künstlers zu verlassen. Denn: „Die großen Leute verstehen nie etwas von selbst, und für die Kinder ist es zu anstrengend, ihnen immer und immer wieder erklären zu müssen.“ Erst viel später wird der kleine Prinz auf Anhieb den Elefanten in der Boa erkennen; aber der ist ja auch ein Kind.
Wer einem Kunstwerk wie dem „Kampf der Mönche“ begegnet, darf es nicht mit den Augen der Erwachsenen anschauen. Er muss die Fesseln der praktischen Rationalität sprengen, die gleich auf Funktion und Nutzen schließt, anstatt ein Ding ohne Vorurteil auf sich wirken zu lassen. Natürlich stimmt es: Was ich sehe, ist ein kaputter Regenschirm. Wer immer ihn gemacht hat, wollte, dass Menschen durch ihn vor dem Regen geschützt werden. Jetzt lässt er sich nicht mehr öffnen. Sein Mechanismus ist verbogen. Er dient nicht mehr seinem Zweck und kann eigentlich nur noch entsorgt werden. Damit ist das Urteil gefällt.
Maria Theresia von Fürstenberg wird mit dem kaputten Knirps nicht so schnell fertig. Das Bild vom Kampf der Mönche formt sich dabei erst in einem zweiten Schritt. Zuerst einmal lässt sie sich von dem Gegenstand, der ihr begegnet, beeindrucken, ohne ihn in eine Schublade zu stecken. Die erste Frage lautet nicht: „Was kann ich damit machen?“, sondern: „Was sehe ich?“ Dabei wird diese Frage nicht bewusst gestellt, als sei der Regenschirm von vornherein ein Problem oder eine Aufgabe. Die Künstlerin öffnet sich unmittelbar einem Eindruck aus Licht und Schatten. Sie sieht nicht das Kaputte, sondern ist fasziniert von der Dynamik der Formen und Farben. Dieser Eindruck verbindet sich nun mit ihren Gedanken, Erfahrungen und Phantasien. Sie ist ein Mensch auf der Suche, der neugierig ist wie ein Kind. Sie steckt voller Fragen. Dabei geht sie den Dingen gern auf den Grund und lässt sie auf sich wirken. Zugleich verfügt sie über eine schnelle Auffassung und eine reiche Phantasie. Das ermöglicht es ihr, Eindrücke ohne den Umweg über das Nachdenken in Bilder und Worte zu übersetzen und spontan zu deuten.
Maria Theresia von Fürstenberg war selbst vierzehn Jahre lang Mitglied einer französischen Ordensgemeinschaft. Nun lebt sie seit fünf Jahren am Rande eines Benediktinerklosters und bekommt das Leben der Mönche aus der Nähe mit. Da bleibt kein Platz für idealisierende Bilder. Sie weiß, wie es in einer Gemeinschaft zugehen kann, wie Menschen einander missverstehen und verletzen können. Je enger man zusammenlebt, desto mehr wird das Anderssein des anderen zur Herausforderung. Jeder Mensch ist anders. Die Mönche erscheinen nur äußerlich gleich. Unter den Habiten leben Individuen mit ihren ganz eigenen Talenten und Temperamenten, mit ihren Lebenswunden und Lebenswünschen. Da kann es nicht immer harmonisch und friedlich zugehen. Es kommt zu Abneigungen und Entfremdungen. Der Bruder wird dem Bruder zur Last. Konflikte werden oft nicht unmittelbar angesprochen und gelöst, sondern schwelen unter der friedlich geordneten Oberfläche des klösterlichen Lebens weiter. Irgendwann brechen sie auf. Es wird laut und kommt leider auch hin und wieder – wenn auch nur selten - zu Tätlichkeiten.
In der Literatur hat diese innere Auseinandersetzung im Leben des Einsiedlers Antonius ihren Niederschlag gefunden, hier allerdings unter dem Stichwort „Versuchung“. In der Einsamkeit auf sich selbst zurück geworfen begegnet der Mönch sich auf neue Weise. Da leben in ihm nicht nur die frommen Absichten und Ziele. Anderes drängt an die Oberfläche und will beachtet sein. Erinnerungen an frühere Zeiten melden sich. Die Mühen der strengen Askese werden immer beschwerlicher. Sexuelle Begierden regen sich. Ein Ringen beginnt, das Matthias Grünewald und andere Künstler beeindruckend ins Bild gebracht haben. Wer diesen Kampf vorschnell abbricht und flieht oder verdrängt, wird nie zu der menschlichen und religiösen Reife gelangen, die das Mönchtum anstrebt. Jeder ist gleichzeitig ein Narziss und ein Goldmund. Solange diese beiden miteinander im Gespräch sind und manchmal auch im Kampf, kann Leben sich entwickeln und reifen.
Abt Franziskus Heereman |



So werden aus dem kaputten Regenschirm zwei Mönche, die miteinander ringen. Schwarzes Tuch fliegt durch die Luft. Beine und Arme ragen aus dem Knäuel hervor. In der Mitte sind die beiden ineinander verkeilt und verbissen. Da ist nichts vom klösterlichen Frieden und mönchischer Selbstbeherrschung geblieben. Da liegen die Nerven blank, archaische Aggressionen sind geweckt. Aus der Unruhe der Gedanken sind verletzende Worte geworden; und als diese nicht mehr reichen, sind ihnen Taten gefolgt.
Wenn der Mönchsvater Benedikt das Leben im Kloster als Kampf bezeichnet, meint er damit allerdings nicht in erster Linie äußere Auseinandersetzungen und Kämpfe. Er sieht vor allem den inneren Kampf, auf den sich gefasst machen muss, wer in ein Kloster eintritt. Der Anfänger wird immer stark von Idealbildern bestimmt sein. Er hat noch keine Erfahrungen mit dem Leben in Gemeinschaft gemacht. Vielleicht erwartet er eine heile Welt, in der er selbst fast automatisch heilig wird. Aber auch über sich selbst und seine Reife mag er sich – vor allem, wenn er noch jünger ist – täuschen. Im klösterlichen Alltag zerbrechen diese Bilder früher oder später. Es kommt zu Enttäuschungen. Man entdeckt nicht nur die Gemeinschaft neu und anders, sondern auch sich selbst. Für Benedikt findet auf dem klösterlichen Weg ein therapeutischer Prozess der Selbstbegegnung statt. Der Mönch entdeckt, wie begrenzt die eigenen Möglichkeiten sind, sich zu verändern. Er erkennt auch, dass die Wurzeln der meisten Konflikte nicht in seinem Umfeld, sondern in ihm selbst zu finden sind. Hier ist der Ort, an dem der eigentliche Kampf ausgefochten wird, und nur hier kann der Friede wachsen, den Menschen in einem Kloster erwarten.
Wer genau hinschaut, entdeckt auf der Spitze des Kunstwerks ein paar versprengte Goldtupfer. Sie heben auch äußerlich den Gegenstand über die Ebene des Alltagsnutzens hinaus und verleihen ihm einen besonderen Akzent, ein Rufzeichen. Maria Theresia von Fürstenberg hat einen besonderen Blick für das Alltägliche und scheinbar Unvollkommene. Für sie hat jedes Ding – und mag es auch unbeachtet am Wegesrand liegen – seine eigene Würde und seine eigene Botschaft. Sie begegnet ihm mit einer Mischung aus staunender Ehrfurcht und kreativer Neugier. Das Gold auf dem nutzlos gewordenen Schirm verleiht dem Ganzen eine Spannung, die aufmerken lässt und zu einem tieferen Verstehen einlädt.