Abtei im Herbst
Orte des inneren Heimwehs

„Die Klöster sollen gleichsam Pflanzstätten zur Auferbauung des christlichen Volkes werden.“ (II. Vat. Konzil, Dekret über die Erneuerung des Ordenslebens 9)

Jedes Jahr zum ersten Advent schlage ich unserer Gemeinschaft ein Wort oder einen Satz vor, der sie durch das kommende Jahr begleiten soll. Manchmal sind es Worte aus der Bibel oder der Benediktsregel. Im vergangenen Jahr hatten wir das „tu solus – du allein“ aus dem Gloria der Messe. Dieses Jahr ist mir schon im Sommer ein Wort des Konzils über die Klöster begegnet, das uns ein guter Begleiter sein könnte. Da heißt es über die monastischen Orden, zu denen wir Benediktiner auch gehören: „Unter Wahrung ihrer jeweiligen Eigenart sollen sie die alten, dem Wohl des Nächsten dienenden Überlieferungen erneuern und sie den gegenwärtigen Bedürfnissen der Menschen so anpassen, dass ihre Klöster gleichsam Pflanzstätten zur Auferbauung des christlichen Volkes werden.“ Im lateinischen Urtext lautet die entscheidende Passage: „seminaria aedificationis populi christiani“.

Auch fast fünfzig Jahre nach Beendigung des Konzils ist dieses „Aggiornamento“ noch lange nicht bewältigt. Die Reformen der Nachkonzilszeit haben sich weitgehend auf liturgische, pastorale und rechtliche Fragen konzentriert. Natürlich war da immer die erneuerte Verhältnisbestimmung zwischen Kirche und Welt im Hintergrund. Aber heute müssen wir feststellen, dass wir noch sehr stark in den alten Bildern von der Kirche und ihrer Aufgabe in dieser Welt gefangen waren und sind. Wandel geschieht selten ohne schmerzliche Bekehrungs- und Abschiedsprozesse, ohne „Geburtswehen“. Es gibt Menschen, die behaupten, die Verwirklichung dessen, was das Konzil beabsichtigte, stehe noch ganz am Anfang. Eine Relecture der Konzilstexte sei angesagt, ein neues Lesen und Verstehen dessen, was da oft in einem etwas angestaubten Sprachgewand auf uns zukommt.

Für uns Neuburger haben sich die äußeren Verhältnisse in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Immer wieder mussten wir unsere wirtschaftliche Basis umgestalten. Die Gemeinschaft ist kleiner und älter geworden, damit haben sich auch die Möglichkeiten verändert, welche Aufgaben zu uns passen. Aber auch das kirchliche Umfeld ist im Wandel. Gegenwärtig laufen Überlegungen das katholische Heidelberg mit dem benachbarten Eppelheim zusammen als eine Seelsorgeeinheit zu organisieren. Welche Auswirkungen diese neue Struktur auf das kirchliche Leben vor Ort und das christliche Zeugnis in dieser Stadt haben und wie sich das „anfühlen“ wird, kann noch niemand sagen. Für uns Mönche am Rande der Stadt stellt sich aber die Frage, welche Aufgabe in diesem Wandel auf uns zukommt. Gibt es da vielleicht eine neue Berufung für unser Kloster? Wie können wir die Laien, die künftig eine größere Verantwortung übernehmen werden, unterstützen? Was für ein Kloster braucht das katholische und christliche Heidelberg in der kommenden Zeit?

Vieles hat sich schon in den vergangenen Jahren bei uns geändert; aber wir sind immer noch auf der Suche, und das wird noch eine Weile so bleiben. Vieles wird davon abhängen, wie sich unsere personelle Situation entwickelt. Dabei versuchen wir, uns nicht von Zukunftsängsten bedrängen zu lassen, sondern positiv zu schauen, was Gott heute von uns erwartet, und wozu er uns gebrauchen will. Da könnte das Wort von den Pflanzstätten zur Auferbauung des christlichen Volkes ein guter Wegweiser sein. Ein Seminar ist von seiner ursprünglichen Bedeutung her ein Ort, wo ein Samen aufgehen und sich entfalten kann. Jesus spricht einmal in einem Gleichnis vom Samen des Wortes Gottes, der auf verschiedene Böden trifft und sich demnach ganz unterschiedlich entwickelt (vgl. Lukasevangelium 8, 5-15). Das Konzil hat den Klöstern die Aufgabe zugedacht, den Boden für das Wort Gottes zu bereiten und so „Pflanzstätten“ zu werden. Wie das genau für uns aussehen wird, können wir heute noch nicht genau sagen, aber es gibt gewisse Akzente, die unser benediktinisches Leben uns vorgibt: die Liturgie und die Möglichkeit der lebendigen Teilnahme für die Menschen, die zu uns kommen; die herzliche Gastfreundschaft; die Bereitschaft zum Gespräch und zur Vertiefung der Erfahrung eines Lebens aus dem Glauben.

Papst Benedikt hat auf seiner Deutschlandreise einen Satz gesagt, der mir für unsere Berufung wichtig zu sein scheint: Die Menschen „brauchen Orte, wo sie ihr inneres Heimweh zur Sprache bringen können.“ Das Heimweh ist da; aber es ist verschüttet, solange es nicht zur Sprache kommen oder auf andere Weise – z.B. in Gestalt einer Wallfahrt – seinen Ausdruck finden kann. Wir Mönche sind Menschen des Heimwehs nach Gott. Es wäre wunderbar, wenn es uns gelänge, diese Sehnsucht mit Menschen zu teilen und sie darin zu bestärken.

Zu dem Wort von der Pflanzstätte passt das Samenkorn, das dieses Jahr unter unserem Weihnachtbaum liegt. Wir haben in unserem Konventszimmer keine Krippe mit Maria, Josef, Hirten und Königen, sondern allein dieses Kind, das in ein sich öffnendes Samenkorn gebettet ist. Das Ganze ruht auf dem Adventskranz, von dem wir die Kerzen entfernt haben. Diese Installation war nicht geplant und gewollt. Sie hat sich einfach so ergeben und ist so für uns zur Botschaft und zum Geschenk geworden. Weihnachten macht den Advent nicht überflüssig, sondern schenkt unserem Heimweh ein Gesicht.

Abt Franziskus Heereman